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Zwei Wochen Kamerun - Ein Reisebericht von Albrecht Nasdala

Kamerun ist schon aufgrund seiner Kolonialgeschichte eines der afrikanischen Länder mit enger Beziehung zu Deutschland. Nicht nur die Bundesregierung, auch die evangelische Kirche engagiert sich in dem zentralafrikanischen Staat. Pfarrer Albrecht Nasdala hat für IPS seine Eindrücke von einer Reise in den kamerunischen Norden in Text und Bild festgehalten.

Geschichte - Kolonie, Mandatsgebiet, Unabhängigkeit
Aktuelle Probleme - Hohe Schuldenlast, gravierende Armut
Evangelische Partnerschaft Soest-Kamerun

Reisetagebuch Kamerun

1.Tag: Ankunft in Duala

Nach einem Flug von Düsseldorf über Paris landen wir in Duala, der mit etwa 1,4 Millionen Einwohner größten Stadt Kameruns. Untergebracht sind wir für die erste Nacht in der deutschen Seemannsmission.

Die Hafenstadt Duala erscheint uns als typische Dritt-Welt-Stadt, wirkt außerordentlich lebendig, bisweilen chaotisch. Prägende Eindrücke sind - neben dem dramatisch schlechten Zustand der Straßen - die vielen Kleinhändler, die auf einen florierenden informellen Sektor schließen lassen, aber auch die überall sichtbar werdende Armut. Auffällig ist, wie viele Kinder sich morgens auf den Weg zur Schule machen. Dort beginnt der Tag im übrigen mit einer Art Fahnenappell, zu dem die Schüler in Reih und Glied antreten.

"Straße in Duala" Kamerun
"Straße in Duala"

"Schulbeginn in Duala" Kamerun
"Schulbeginn in Duala"

2. Tag: Weiterflug nach Garoua

Von Duala geht es weiter nach Garoua, Hauptstadt der Provinz Nord, anders als geplant und nach vielem Hin und Her jedoch nicht mit der Fluggesellschaft 'Air Cameroun', sondern mit einer Maschine von 'Allitalia'.

Meine Quartiergeber in Garoua sind offensichtlich besser gestellt. Sie bewohnen ein Einfamilienhaus auf dem Gelände eines Veterinärinstituts, das seinen Mitarbeitern und deren Familien Häuser zur Miete zur Verfügung stellt. Das ist für Kamerun keineswegs die Regel. Eher ungewöhnlich ist auch die Ausstattung des Hauses, die durchaus europäischem Standard entspricht. Offensichtlich findet jedoch die voll ausgestattete Küche nicht die Gunst der Dame des Hauses. Zur Vorbereitung eines Essens für eine größere Abendgesellschaft verlässt sie sich nach wie vor lieber auf ein Holzfeuer im Hof.

"Küche im Hof" Kamerun
"Küche im Hof"

3.Tag: Das Armenviertel Roumdé Adja

In Garoua besuchen wir zunächst den Gouverneur der Nord-Provinz - im Rang vergleichbar einem deutschen Ministerpräsidenten - und den Lamido, einen islamischen Würdenträger und Richter. Zudem steht ein Kondolenzbesuch bei der Familie eines unlängst verstorbenen Pfarrers im Armenviertel Roumdé Adja auf dem Tagesplan.

In Roumdé Adja ist die Armut unübersehbar. Die Häuser hier bestehen in der Regel aus einem einzigen Raum, in dem ganze Großfamilien schlafen und essen. Selbst der Verstorbene, dessen Witwe wir besuchen, war zwar ein hoch angesehener Pfarrer und Gründer der Gemeinde in Roumdé Adja, aber auch seine Familie lebt in großer Armut.

Weiter fallen uns die vielen Kinder - und mit ihnen eine mangelnde Geburtenkontrolle - auf. Wie wir erfahren, sind viele Familien nicht in der Lage, ihre Kinder zu ernähren. In solchen Fällen werden sie bei Verwandten untergebracht. Sollten auch sie überfordert sein, muss sich die Allgemeinheit um die Kinder kümmern. Feste Familienstrukturen wie in Europa gibt es in vielen armen Gegenden Kameruns nicht.

"Roumdé Adja" Kamerun
"Roumdé Adja"

4. Tag: Gottesdienst in Sanguéré-Ngal 

Sanguéré-Ngal ist ein etwa 20 Kilometer vor Garoua gelegenes Dorf und beispielhaft für den Norden Kameruns. Es besteht ausschließlich aus strohgedeckten, runden oder quadratischen Lehmhütten. Strom und fließendes Wasser gibt es nicht, die größte infrastrukturelle Errungenschaft ist ein Brunnen. In Sanguéré-Ngal spielt sich der größte Teil des Lebens unter freiem Himmel ab. Es wird draußen gekocht und - nach Männern und Frauen getrennt - auch gegessen, Treffpunkt ist ein Baum in der Dorfmitte. 

Auch an der örtlichen Kirche, in der ich zu predigen habe, ist die Armut deutlich abzulesen. Sie ist mehr Ruine denn Gotteshaus - eine Wand fehlt ihr völlig. Gleich dreimal ist meine Predigt zu hören, auf deutsch, in französischer Übersetzung und ein weiteres Mal in Gambai - eine der etwa 230 kamerunischen Lokalsprachen. Mitgebracht wurden sie unter anderem von Flüchtlingen aus dem benachbarten Tschad, die zum Teil schon seit den 30er Jahren in Kamerun leben, bis heute aber nicht wirklich integriert sind. Tschader bilden mit gut 39.000 Mitgliedern derzeit die größte Flüchtlingsgemeinschaft in Kamerun. Aus Nigeria und Côte d'Ivoire stammen mit fast 17.000 und 10.000 Menschen weitere große Flüchtlingsgruppen.

"Mittag in Sanguéré-Ngal" Kamerun
"Mittag in Sanguéré-Ngal"

"Unter dem 'Palaverbaum' in Sanguéré-Ngal" Kamerun
"Unter dem 'Palaverbaum' in Sanguéré-Ngal"

5. Tag: Einweihung eines Gesundheitszentrums in Roumdé Adja

Für Roumdé Adja ist die Einweihung des Gesundheitszentrums ein großer Tag. Das Zentrum, benannt nach dem ehemaligen Soester Superintendenten Manfred Selle, wird überwiegend aus deutschen Mitteln bezahlt und ist eine Außenstelle des Basisgesundheitszentrums der evangelischen Kirche von Garoua. Der dort angestellte Arzt und etwa 20 Krankenschwestern und Pfleger kümmern sich auch um das Manfred-Selle-Zentrum. Neben Geburtshilfe und Hygieneaufklärung ist die Aids-Prävention ihre wichtigste Aufgabe. In Roumdé Adja liegt die HIV-Rate bei 13 Prozent und damit weit über dem Landesdurchschnitt bei Jugendlichen und Erwachsenen von 6,9 Prozent. Auch bessere Stadtteile von Garoua haben eine wesentlich niedrigere Infektionsrate von zwischen einem und drei Prozent.  

Später am Tag haben wir Gelegenheit zu einem Gespräch mit Jugendlichen über ihre Zukunft. Sie ist absolut trostlos. Es gibt keinerlei Chancen auf eine Berufsausbildung, wie man sie aus Deutschland kennt. Selbst wer die Schule beendet, hat keine andere Wahl als den Weg in die kleine Landwirtschaft oder den Kleinhandel.

"Das neue Manfred-Selle-Zentrum in Roumdé Adja" Kamerun
"Das neue Manfred-Selle-Zentrum in Roumdé Adja"

"Gesundheitsstation in Garoua" Kamerun
"Gesundheitsstation in Garoua"

"Straße in Garoua" Kamerun
"Straße in Garoua"

"Straße in Garoua" Kamerun
"Straße in Garoua"

6. Tag: Kindergarten und Grundschule von Garoua

Auch Kindergarten und Grundschule von Garoua sind Einrichtungen der evangelischen Kirche. Sie sorgen für wenigstens vier Jahre Unterricht in Klassen von je 40 Schülern. Kinder und Lehrer bereiten uns einen liebevollen Empfang mit deutschem Begrüßungswort an der Tafel und einem deutschen Kirchenlied. Hier wie schon in Duala fällt auf, wie ungewöhnlich diszipliniert selbst die Kleinsten sind.

"Grundschule in Garoua" Kamerun
"Grundschule in Garoua"  

7. Tag: Fahrt nach Lagdo

Der nächste Tag bringt uns nach Lagdo, ein Dorf am gleichnamigen Stausee. Unterwegs besuchen wir Projekte, die von uns gefördert werden insbesondere Brunnen und Maismühlen. Leider müssen wir feststellen, dass nur noch einige wenige der Projekte funktionieren.

Offenbar werden Verschleißteile nicht ausgewechselt, fällige Reparaturen nicht durchgeführt. Unser Konzept der Selbstverwaltung durch ein Gremium von fünf bis sieben Mitgliedern der Dorfgemeinschaft scheint daran zu scheitern, dass sich niemand wirklich verantwortlich fühlt. So sind viele Mühlen stehen geblieben, und Mais wird wieder nach herkömmlicher Art gestampft, und auch die meisten Wasserpumpen sind funktionsuntüchtig. Letzteres ist besonders problematisch. Arbeitet die Pumpe nicht mehr, wird die Brunnenabdeckung entfernt und Wasser wie ehedem geschöpft. Fast unvermeidbare Folge sind die Verschmutzung und Verkeimung des Brunnens. Von sicherem Wasser kann dann keine Rede mehr sein.

"Dorf in der Provinz Nord" Kamerun
"Dorf in der Provinz Nord"

"Maismühle – leider defekt" Kamerun
"Maismühle - leider defekt"

"Mais – gestampft wie früher" Kamerun
"Mais - gestampft wie früher"

"Brunnen – außer Betrieb" Kamerun
"Brunnen - außer Betrieb"

"Auch das ist ein Brunnen" Kamerun
"Auch das ist ein Brunnen"

"Lagdo" Kamerun
"Lagdo"

8. Tag: Grundschule von Badjaolé

Nach knapp zweistündiger Fahrt über den Lagdo-See kommen wir in Badjaolé an - ein Dorf, das nur über den Seeweg erreichbar ist. Auch dort, in einer der entlegensten Regionen Kameruns fördern wir eine Grundschule. Nicht zuletzt dank des großen Engagements der Lehrer scheint sie recht gut zu funktionieren. Die Kinder, die mit einer der kamerunischen Lokalsprachen aufwachsen, lernen Französisch ab der ersten und Englisch ab der dritten Klasse. Schwierig allerdings ist die Versorgung mit Schulmaterialien. Auf dem örtlichen Markt sind sie nicht zu erhalten, in den Städten zu teuer. Leider überfordert auch das geringe Schulgeld viele Eltern. Jugendliche sehen im wir übrigen fast keine. Im Dorf gibt es für sie weder Arbeitsmöglichkeiten noch eine weiterführende Schule.

9. Tag: Ngaoundéré

Auch in Ngaoundéré, der Hauptstadt der Provinz Adamaoua, besuchen wir zunächst Gouverneur und Lamido. Als angenehm empfinden wir das Klima der Hochebene. Anders als in Garoua und weiter nördlich, wo zum Ende der Regenzeit im Oktober die Temperaturen auf 38 bis 46 Grad Celsius steigen und die Luftfeuchtigkeit bei über 90 Prozent liegt, herrschen hier moderate 25 Grad. Spektakulär sind die tropischen Regenfälle.

10. Tag: Ausflug an den Tison-See

Wir erreichen den See nach einer abenteuerlichen Fahrt über völlig aufgeweichte Wege und mehreren ungewollten Stopps im Schlamm.

Später haben wir eine Verabredung mit Gemeindegruppen und treffen Jugendliche in Nagaoundéré, die eine spürbar bessere Schulbildung genossen haben als Gleichaltrige in den Dörfern. Einige von ihnen lernen sogar Deutsch. Für den Abend sind wir dann bei einem der örtlichen Presbyter eingeladen und erleben ein großes Fest mit viel Folklore, Musik und Tanz. Der Gastgeber gehört zu den Bamiléké, einer sehr einflussreichen und vor allem im Handel aktiven Gemeinschaft in Kamerun. Einige der Gäste zeigen großes Interesse an "wirtschaftlichen Beziehungen" zu Deutschland, sind uns aber nicht ganz geheuer.

"Stecken geblieben" Kamerun
"Stecken geblieben"

"Bamiléké-Fest" Kamerun
"Bamiléké-Fest"

11. Tag: Maroua

Verabschiedet werden wir in Nagaoundéré mit einem dreieinhalbstündigen Gottesdienst und  Tanz und Gesang zu unseren Ehren. Dann brechen wir nach Maroua auf, der Hauptstadt des Extremen Nordens. Unterwegs besuchen wir ein Brunnenprojekt in Guider, und - wir hätten es nicht für möglich gehalten - es funktioniert!!!

"Dieser Brunnen funktioniert" Kamerun
"Dieser Brunnen funktioniert"

"... dieser auch!" Kamerun
"... dieser auch!"

12. Tag: Milchprojekt in Maroua

Einen wiederum hoffnungslosen Eindruck macht ein Milchprojekt für Frauen in Maroua. Ihr Betrieb sollte eigentlich Joghurt herstellen. Tragen kann sich die Initiative allerdings nicht. Zumindest bis jetzt übersteigen die Investitionen die möglichen Verkaufserlöse bei weitem. Auch hier wieder zeigt sich, dass Teile der Ausrüstung repariert werden müssten, dies aber offenkundig nicht geschieht.

"Milchprojekt in Maroua" Kamerun
"Milchprojekt in Maroua"

13. Tag Mora

Heute machen wir uns auf nach Mora, nahe der Grenze zum Tschad und bereits in der südlichen Sahelzone gelegen. Auch in Mora besuchen wir ein Unterrichtsprojekt, das von uns gefördert wird, allerdings noch kein eigenes Schulgebäude hat. Bislang werden die Kinder im Pfarrhauses und in der Kirche unterrichtet. Im Gepäck haben wir einen symbolischen Scheck über 3,5 Millionen CFA-Francs, etwa 5.000 Euro, für den Bau einer Schule. Angedacht ist ein Workcamp für deutsche Jugendliche, die praktische Hilfe beim Aufbau der Schule leisten möchten.

Insgesamt fällt im Extremen Norden eine wirklich gravierende Armut auf, allerdings kein Hunger. In diesem Zusammenhang hören wir von einem Mitarbeiter der Vereinigten Evangelischen Mission (VEM) in Kamerun, dass Hilfslieferungen der internationalen Gemeinschaft bisweilen auf den Märkten im Extremen Norden und anderen Regionen der Sahelzone verkauft und keineswegs wie geplant verteilt werden.

"Scheckübergabe in Mora" Kamerun
"Scheckübergabe in Mora"

"Landschaft in der Sahelzone" Kamerun
"Landschaft in der Sahelzone"

"Fluss in der Sahelzone" Kamerun
"Fluss in der Sahelzone"

"Abgeerntetes Feld in der Sahelzone" Kamerun
"Abgeerntetes Feld in der Sahelzone"

14. Tag: Rückkehr nach Garoua

Kurz vor Ende unserer Kamerunreise treffen wir in Garoua Vertreter des 'Programme d'Appui au Développement Communautaire du Grand Nord Eglise Evangélique du Cameroun' (PADECO), die Koordinationsstelle für alle kirchlichen Projekte. Ihre Aufgabe wäre auch die Wartung der Brunnen und Mühlen gewesen, die wir an so vielen Stellen vermisst haben. Viele Fehler werden der bisherigen PADECO-Leitung angelastet. Der neue Leiter der Organisation allerdings wirkt sehr zuverlässig und engagiert. Wir hoffen das Beste.

"Garoua" Kamerun
"Garoua"

15./16. Tag: Duala und Rückflug

Am letzten Tag setzen wir uns mit unserem Partnerschaftskomitee und später in Duala mit der Kirchenleitung der 'Eglise Evangélique du Cameroun' (EEC) zusammen. Dann geht es gute zwei Wochen nach unserer Ankunft zurück nach Deutschland.

"Duala" Kamerun
"Duala"

Text und Bilder: Albrecht Nasdala, Redaktion: Heike Nasdala

 

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